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Jänner 2011

Sexualität am schwarzen Brett


Es geht wieder einmal um das Dauerbrenner-Thema: „Behinderung und Sexualität“. Vielleicht sagt ihr jetzt, nicht schon wieder! Aber für jene, die es betrifft, wie mich und Hunderte andere, ist es einfach ein ganz wichtiges Thema! Darum möchte ich ein paar Sachen dazu sagen:

Kindliche Unschuld
Das Problem beginnt ja schon in der Kindheit bei behinderten Kindern! In meinen eigenen Kinderheimen hab ich viel erlebt. Im Heim in Peuerbach gab es z.B. nicht nur körperlich, sondern auch viele geistig behinderte Kinder. Natürlich hatten die ihre sexuellen Bedürfnisse nicht so unter Kontrolle – da ist es schon mal vorgekommen, dass sich einer neben den anderen selber befriedigt hat. Wenn das ein/e MitarbeiterIn gesehen hat, war der Teufel los, und es gab körperliche Strafen oder nichts zu essen usw.! Einfach war das nicht, denn wir waren ja ständig unter Beobachtung!
Ich kann mich noch erinnern, dass ich selber als Kind mal eine Mitarbeiterin gefragt habe, warum das Ding in meiner Hose neuerdings öfter hart wird… Ihre Antwort war: „ Das fragt man nicht! Und greif da ja nicht hin, Adi, sonst gibt es was!“ Aber es wurde immer stärker und öfter – und ich merkte, dass es voll gut tut, wenn ich mich angreife! Also ging ich nochmal zu dieser Betreuerin und erzählte ihr, dass es nicht aufhört und wenn ich so mache (ich zeigte es ihr), dann tut es echt gut. Darauf hat sie mir eine geschmiert. Ich hab mich überhaupt nicht ausgekannt. Hatte ich denn etwas Schlimmes gemacht?…
So tat ich es eben heimlich, wenn das Ding wieder groß wurde. Und mit der Zeit merkte ich, dass ich nicht der Einzige bin, dem es so geht! Einem Zimmerkollegen ging es so wie mir – und irgendwann sagte ich zu ihm, machen wir’s doch zusammen! (Weil alleine war es immer langweilig). Als man uns eines Tages dabei erwischte, war der Teufel los! Wir hatten aber bis dahin noch immer nicht gewusst, was Sache ist! Wir wurden bestraft, aber warum wussten wir noch immer nicht. Weil niemand hat uns je aufgeklärt! Für diese Zeit war das aber gang und gäbe…

Jugend-Träume
Als ich dann 1980 ins Dorf gekommen bin, wurde ich zwar nicht mehr bestraft – aber auch dort wurde die Sexualität noch sehr unter den Tisch gekehrt. Auch damals meinte man noch, dass ein behinderter Mensch überhaupt kein Sexualleben braucht oder hat.
Sicher hatte ich als junger Mensch ein Sexualleben – manchmal auch mit Männern, natürlich heimlich – aber immer mit Schwierigkeiten verbunden. Es ist mir oft schlecht gegangen, weil mit 18 Jahren hat man einfach andere Träume, als mit 48. Ich wünschte mir so sehr eine Freundin ohne Behinderung – aber dieser Traum ist immer geplatzt. Ich durfte es zwar 3mal erleben, mit einer nicht behinderten Frau Sex zu haben – das war sicher das größte Erlebnis! Aber eine längere Beziehung war nie drin. Meine erste große Liebe (auch behindert) war viel älter als ich (18 zu 29) und lebte außerdem in Berlin. Der Sex mit ihr war wunderbar. 1983 war es im Dorf zwar verboten, dass jemand bei dir im Zimmer über Nacht bleibt – aber das war mir in dieser Zeit scheißegal! Hab wirklich für Aufregung gesorgt. Einmal kam sogar der Nachtdienst und wollte sie ins Besucherzimmer schicken… da bin ich total wütend geworden. Natürlich ist sie bei mir geblieben. Und trotzdem habe ich meine große Liebe verloren. Weil ich immer auf der Suche war nach meinem Ich. Lange Jahre hatte ich dann keine feste Freundin. Wollte einfach nur leben und schauen, was ich überhaupt will. Und ich wollte unbedingt normal sein, das heißt mit meiner Bi- oder Transsexualität wollte ich mich gar nicht auseinandersetzen.

Kondome und andere Probleme
In den 80er Jahren lernte ich einen jungen Bewohner in meinem Alter kennen. Er war auch so um die 18 und echt schwer behindert! Der konnte rein gar nichts machen. Eines Tages fragte er mich, ob ich ihm „mal helfen könnte“… Ich wusste gleich, was er meinte. Ich wusste, dass er eigentlich nicht auf Männer steht – aber ich habe ihn trotzdem unterstützt, sonst hätte er doch nie das Erlebnis gehabt, wie sich ein Orgasmus anfühlt. Der Typ ist mit 22 Jahren gestorben… Ich frage mich, warum unsere Welt solchen Menschen nicht hilft, die alleine nie in der Lage wären, sich zumindest selbst zu befriedigen!?
Andererseits – für mich ist es trotzdem viel besser geworden. Als ich noch meinen Freund hatte, war er an den Wochenenden öfter bei mir. Er war auch körperbehindert und konnte nicht allein in mein Bett steigen – da haben wir einfach jemanden geholt, der uns geholfen hat. Anders wären wir gar nicht zu unserem Spaß gekommen.
Für ein Problem hatten wir aber nie eine Lösung gefunden: Wir konnten beide kein Kondom mit den Händen überziehen! Und dafür einen Betreuer zu holen, ist gesetzlich (noch) nicht erlaubt. Aber wie bitte sollen wir Behinderten uns gegen Schwangerschaften, Krankheiten, Aids schützen? Da sehe ich schon eine Gefahr darin. Aber unseren Betreuern sind hier einfach die Hände gebunden. Obwohl ich allerdins auch die andere Seite verstehe: man kann ja nicht immer wissen, was der oder die wirklich vorhaben…!? Es ist einfach ein Messer mit zwei Schneiden.
Mitte der 80er gab es eine eigene Gruppe von Bewohnern und Mitarbeitern, die sich mit Behinderung und Sexualität auseinandersetzte. Eine Zeit lang ist echt viel geschehen – aber dann ist alles wieder eingeschlafen. Obwohl alle mit Leib und Seele dabei waren. Seit über 30 Jahren grübelt man jetzt bei uns im Dorf über dieses Thema - und noch immer wird überlegt, wie man das angehen könnte! Es ist echt nicht leicht.

Sex auf Krankenschein?
Eine Prostituierte einfach für ihre Dienste an Behinderten zu bezahlen, würde das Problem meiner Ansicht nach auch nicht wirklich aus der Welt schaffen. Der Mensch hat ja so viele andere Bedürfnisse. Sicher gibt es Leute, die möchten nur Sex! Aber die Mehrheit will auch mal berührt und einfach geliebt werden und wünscht sich Zuneigung und Geborgenheit. Das kann keiner bezahlen, auch wenn er stinkreich ist.
Oft sind es die Eltern der Behinderten, die damit gar nicht umgehen können. Und manche glauben, dass v.a. geistig behinderte Menschen gar nicht in der Lage sind, Liebe und Beziehungen zu erkennen. Genau ist das ist ein sehr, sehr großer Irrtum! Denn genau diese Menschen können die wirkliche Liebe ohne Bedingungen zeigen. Und so was darf und soll man nie verbieten. Es gibt heutzutage so viele Hilfsmittel…
Vor einigen Tagen hab ich im Fernsehen eine Dokumentation über SexualbegleiterInnen gesehen – für viele behinderte Menschen ist das oft die einzige Möglichkeit, Zärtlichkeiten zu bekommen! Ich finde es super, dass es dieses Angebot gibt. Bedenklich finde ich aber, dass SexualbegleiterInnen nur berühren, streicheln, halten dürfen… mehr gibt es nicht. In denen, die das Angebot in Anspruch nehmen, werden aber sicherlich auch sexuelle Gefühle geweckt. Wo sollen die damit hin??
Viele Eltern gestehen ihren behinderten Kindern aber nicht mal das zu. Das finde ich echt schlimm. Am ehesten zeigen die Mütter noch Verständnis – die Väter haben oft gar keinen Zugang zu ihrem behinderten Kind. Dabei wäre doch gerade für behinderte Jungen das Verständnis vom Vater so wichtig…!
Seit einiger Zeit fordern manche auch „Sex auf Krankenschein“ für körperbehinderte Menschen. Das finde ich nicht so gut! Wir kämpfen doch für Normalität und für Gleichberechtigung – aber dann wären wir wieder die armen kleinen Behinderten, die sich selbst nicht helfen können und denen Entscheidungen abgenommen werden.
Wie viele sogenannte Gesunde haben oder bekommen auch keinen Sex? Die können auch nicht bei der Krankenkasse die Rechnung für den Prostituierten-Besuch einreichen! Ich finde, wer den Luxus haben möchte, bezahlten Sex zu haben, der muss wie jeder andere zahlen.

Nicht nur Sex!
Besonders wichtig ist mir aber, dass man Menschen mit Behinderung nicht nur auf das Bedürfnis nach Sex reduziert und meint, wenn sie das bekommen, dann wäre alles gut. Das ist echt ein Blödsinn! Auch mir wäre das zu wenig.
Zum Glück bin ich ja in der Lage, eine Beziehung zu haben. Aber auch da ist mir der Sex nicht am wichtigsten… Viel wichtiger ist, dass man zueinander steht und zusammen durchs Leben geht, und zwar auch dann, wenns mal schwierig wird und man glaubt, man muss ausbrechen!
Maria und ich sind jetzt schon über ein Jahr zusammen, und ich weiß wie es sein kann. Mir geht es oft so, dass ich einfach nicht mehr zuhören kann! Aber das ist, glaub ich, immer eine Herausforderung für beide. Wenn sich das mehrere zu Herzen nehmen würden, würde es nicht so viele Trennungen geben.
Was auch wichtig ist, dass jeder eigene Hobbies hat und auch etwas nur für sich tun kann. Jeder bracht auch Zeit für sich! Mein Schatz und ich haben da eine gute Lösung gefunden: Am Tag geht jeder von uns größtenteils seinen eigenen Weg – und am Abend sind wir immer zusammen und sind zufrieden. Wenn wir ununterbrochen zusammen wären, ginge ich kaputt. Ich bin einfach ein Mensch, der viel Freiraum braucht. Und meinem Schatz habe ich immer gesagt, dass ich sicherlich kein Teddybär bin, den sie immerzu nur halten und drücken kann. Das geht bei mir nicht. Das hat Maria verstanden.
Mein Schatz geht auf mich ein, und ich versuche auf sie einzugehen!

Es soll die Liebe wie ein Ring sein – ohne Ende.


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