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Mai 2011

ANGST


oder Die helle und die dunkle Vergangenheit
(Für meine Schwester Wetti)


Vom 26. auf den 27. April besuchten Sarah und ich meine Schwester Wetti (Barbara) in Traun. Es war ein wirklich schöner Tag. Wir haben sehr gut und viel gegessen – und am Nachmittag haben wir dann über meine Kindheit gesprochen. Immer wenn es um dieses Thema geht, weiß ich genau, dass die kommende Nacht ganz schlimm für mich wird. Einfach wegen der „dunklen“ Vergangenheit. Obwohl ich weiß, dass die Zeit nie wieder kommen wird – und dass es auch viele schöne Dinge gab in meiner Kindheit…

Meine Schwester Wetti hatte mich eigentlich am meisten am Hals. Wenn jemand auf mich aufpassen musste, war es immer die Wetti. Als ich zum ersten Mal von daheim weg musste, habe ich ihr richtig nachgeweint. Wetti war immer für mich da! Zum Beispiel, wenn meine Mama zu den Bauern arbeiten gehen musste, oder wenn meine Eltern mal fort gegangen sind… Aber das war sowieso selten, denn wir waren ja sieben Kinder, und mein Papa war der einzige, der Geld nach Hause brachte. Und gerade für mich (Heime, Therapien etc.) brauchten sie echt viel Geld. Meine Geschwister haben mich immer so angenommen, wie ich war. Oft mussten sie auf dieses und jenes verzichten, weil einfach nicht genug Geld da war - aber sie haben sich nie beschwert oder gefragt, warum der Adi mehr bekommt als sie!
Wir wohnten in einer 50 m2 Wohnung, ohne Kinderzimmer. 4 Kinder sind im Schlafzimmer der Eltern gelegen, die anderen in der Küche. Trotzdem war diese Zeit echt schön. Wir hatten ja alles, was wir zum Glücklichsein brauchten – besonders die Liebe meiner Eltern.

Wetti war schon früh verheiratet und hatte ein Haus. In den Ferien hat sie mich immer für meistens 2 Wochen zu sich geholt. Bei ihr musste ich dann anfangen, alleine zu essen. Beim Essen war ich nämlich ein echter Faulsack. Mama hat mich bis zu meinem 15. Lebensjahr gefüttert – das hat mir natürlich gefallen, aber heute bin ich froh, dass Wetti mich zum Selberessen gezwungen hat. Sie war überhaupt recht streng zu mir. Wie oft bin ich hingefallen – und immer wieder hat sie gesagt, steh auf, du musst das allein können. Wenn mir da immer jeder gleich geholfen hätte, dann hätte ich das Gehen nie erlernt.

Wenn ich so an meine Kindheit zurückdenke, habe ich das Gefühl, als hätte das alles gar nicht ICH erlebt. Aber wenn manchmal in der Nacht die Ängste wieder kommen, dann weiß ich, dass die Zeit leider Wirklichkeit war. Wenn ich zum Beispiel mit anderen Leuten aus dem Dorf nach Peuerbach ins Kino fahre, dann bekomme ich kaum Luft, weil dort das Heim steht, wo ich als Kind war. Da kommen alle Erinnerungen wieder hoch – solche Situationen meide ich wie den Teufel.
Vor ein paar Wochen war ich zu einer Veranstaltung an der Klagenfurter Uni mit meinem Tagebuch eingeladen. Die Strecke nach Kärnten bin ich zum letzten Mal mit meinem Papa gefahren – damals war ich erst 7 Jahre alt, er brachte mich nach Hermagor in ein Heim. Das ist über 40 Jahre her, und trotzdem hat sich der Weg offenbar in mein Gedächtnis gebrannt. Trotz meiner Vorfreude, dass ich die Ehre hatte, in der Uni über mein Buch reden zu dürfen, kam auf der Autobahn plötzlich die Angst hoch: Dass wir ins Heim fahren und die mich einfach dort lassen und ohne mich heimfahren. Hatte echt ein ungutes Gefühl im Bauch, obwohl ich wusste, dass das nicht passieren wird.

Heute habe ich bei gewissen Sachen schon meine Tricks:
Zum Beispiel esse ich nie meinen Teller leer! Warum? In den Kinderheimen bekam ich alles, was ich nicht aufgegessen hatte, am nächsten Tag wieder und wieder vorgesetzt. Darum mache ich das ganz bewusst, um mich zu vergewissern, dass diese Zeit vorbei ist. Wenn jemand heute zu mir sagt, das musst du jetzt tun – in einem Befehlston, der mich an früher erinnert – dann läuten bei mir sofort die Alarmglocken. Weil jetzt bestimme ICH über mich und sonst keiner.
Oder wenn ich mich eingeengt fühle, dann muss ich ausbrechen – auch wenn ich weiß, es ist was Gutes. Da spielt sich so viel im meinem Kopf ab.
Seit zwei Jahren lebe ich in Beziehung mit meiner Freundin. Und jetzt wollte ich Maria einen Heirats-Antrag machen – aber dann hab ich mich schon wieder angeschissen: „Was tu ich bloß, wenn ich über mein Leben nicht mehr alleine bestimmen kann und die Frau sich ständig einmischt?“… Da war sie wieder, die Angst, die ich von früher kenne. Also kein Antrag. Obwohl mein Gefühl sagt, dass Maria zu 99 Prozent die Richtige für mich ist. Es gibt selten so einen Menschen, der mich akzeptiert wie ich bin. Mir ist schon klar, welch ein Glück ich eigentlich mit ihr habe – ein Glück, auf das ich auch nicht verzichten will. Trotzdem, irgendetwas in mir sagt, dass die Zeit noch nicht reif ist.

Eine Ehe soll man eingehen, wenn die Beziehung so reif und rein ist wie eine Kirsche – dann schmeckt sie auch.


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