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Juli 2011

Erinnerungen an die Wölfin


Eine ungewöhnliche Geschichte von einer ungewöhnlichen Frau

Im Jahr 1982 ist ein bildhübsches Mädchen zu uns ins DORF gekommen. Ihr Name war Anita. Als ich sie zum ersten Mal sah - ich war 19 und Anita 17 Jahre - dachte ich zuerst, sie ist eine Mitarbeiterin, denn ihre Behinderung hat man ihr überhaupt nicht angesehen. Sie war damals ganz leicht gehbehindert… und ich weiß noch, dass sie ein Dirndlkleid anhatte (was eigentlich überhaupt nicht zu ihr passte). Anita und ich haben uns auf Anhieb gut verstanden und wurden bald gute Freunde. Anita war ein Mensch, bei dem man gleich gespürt hat, dass sie wirklich etwas erleben wollte.
Als Mitte der 80-er Jahre der Fußboden in unserem Haus neu verlegt wurde, wurden wir einfach auf Urlaub geschickt. Anita und ich sind zwei Monate nur herumgefahren - und hatten unseren Spaß dabei. Wir waren wirklich nicht die bravsten ;-).
Anita hat mir immer viel bedeutet, aber zu einer längeren, fixen Beziehung hatte es nie gereicht. Wir tranken nächtelang Tee und andere Sachen und redeten dabei über Gott und die Welt. Sehr oft sind wir einfach fortgefahren und kamen erst im Morgengrauen wieder heim. Dabei haben wir Sachen erlebt, das war echt der Hammer! Beispielsweise hat man uns in manche Lokale gar nicht hineingelassen, weil wir als Behinderte die anderen Gäste vertreiben könnten... tja, das waren eben die 80-er.

Anita war eine Frau, die wirklich jeden zum Freund haben konnte. 1984 hatte ich mal eine längere Beziehung mit einer anderen Frau, aber wenn Anita gerufen hat, war ich immer gleich da. Meiner Liebsten hat das natürlich gar nicht gefallen. Eigentlich hat mir Anita damals mehr bedeutet als meine Freundin, aber ich wusste, dass ich nie bei ihr landen könnte.
Einmal, an einem Wochenende, waren wir alle bei Anitas Eltern eingeladen und sind jede Nacht rumgezogen, von einem Lokal zum anderen. Jeden Tag kamen wir erst um sechs Uhr in der Früh heim. Meine damalige Freundin wollte da nicht mittun - also sind Anita und ich alleine losgezogen und hatten unseren Spaß. Und untertags haben wir zusammen in einem Bett geschlafen. Sicher, das war nicht okay gegenüber meiner Freundin - aber ich war halt noch jung und unerfahren und wollte einfach LEBEN.

Anfang der 90er-Jahre hat sich Anita dann wirklich verliebt - in Geri, einen neuen Bewohner in unserem DORF. (Wieder hat sie einen anderen genommen und nicht mich!) Damals ist Anita schon im Rolli gesessen, weil sie eine schlimme Krankheit hatte (Anm.d.Red.: ähnlich wie MS, aber noch viel schlimmer - also langsamer Abbau aller Körperfunktionen ab ihrem 15. Lebensjahr).
Als ich im Jahr 1991 in meine Wohnung umgezogen bin, ist Geri zu Anita ins Haus 14 gekommen. Geri war immer für seine Anita da. Durch ihn hatte sie wirklich noch ein wunderschönes Leben.
Ab 2008 konnte Anita gar nichts mehr alleine tun, nicht mal sprechen! Doch Geri hat Anita auch ohne Worte verstanden. Wir anderen haben uns oft gefragt, woher er die Kraft dazu hatte - diese Kraft gab ihm wohl ihre Liebe zu ihm. Da reichte nur ein Blick, und jeder wusste, was der andere sagen möchte.

Anitas Lebenskerze war 2011 abgebrannt. Jeder Mensch hat eine Lebenskerze - die eine brennt voll lang und die andere kürzer. Man sagte uns, ihr Herz wäre leider am Ende gewesen. Mit 45 Jahren ist unsere Wölfin friedlich eingeschlafen. Sie hinterlässt viele Menschen, die sie lieben und nie vergessen werden - und eine Tochter, die heute 24 Jahre alt ist.
Am Morgen nach ihrem Tod traf ich Geri, und er fragte mich, ob ich mitfahren möchte, damit ich mich in Ruhe von ihr verabschieden kann. Ich war vollkommen überrascht, als dann er mich getröstet hat und nicht ich ihn. Als ich so bei Anita stand, habe ich mich überhaupt nicht mehr eingekriegt, hab nur mehr geheult. Ich fühlte mich, als wäre auch ein Teil von mir selber gestorben.
Doch zum Glück bin ich ja nicht allein. Ich habe eine ganz liebe Freundin, die immer für mich da ist: Meinen Schatz Maria, die ich im Mai 2012 heiraten werde.

Anita - unsere Wölfin - wird immer in uns weiterleben. Und Geri hat in unserem Haus eine Familie dazu bekommen, die sich sicherlich immer um ihn kümmern wird und bei ihm nachschaut, wie es ihm geht.
Uns „Weiterlebenden“ tut der Abschied eben immer mehr weh, als denen, die gegangen sind - denn wir haben noch immer ein Stück von unserer Kerze.
Adi-Ida


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